Felix van Groeningen (Regie)
Felix van Groeningen (*1977) schloss sein Studium der Visual Arts an der Koninklijke Academie voor Schöne Kunsten (KASK) in Gent im Jahre 2000 mit einem Master ab; seine Abschlussarbeit war der Kurzfilm 50 CC. Er arbeitete als Regisseur und Darsteller am Theater und entschied sich dann, zu seiner ersten Liebe zurückzukehren: dem Filmemachen. Mit Produzent Dirk Impens von der belgischen Produktionsfirma Menuet hat er bisher fünf Spielfilme gedreht. International bekannt wurde er durch seinen dritten Spielfilm Die Beschissenheit der Dinge (De helaasheit der dingen, 2009), der auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2009 für die „Quinzaine des réalisateurs“ ausgewählt wurde. Den Durchbruch brachte sein darauffolgender Film The Broken Circle (2012), für den er eine Oscarnominierung in der Kategorie „Bester Fremdsprachiger Film“ bekam.
FILMOGRAPHIE
- 2016 Café Belgica
- 2012 The Broken Circle
- 2009 Die Beschissenheit der Dinge
- 2007 With Friends Like These
- 2004 Steve + Sky
- 2001 Bonjour Maman (Kurzfilm)
- 2000 50 CC (Kurzfilm)
- 1999 Truth Or Dare (Kurzfilm)
Interview
Felix, was hat Dich daran gereizt, diese Geschichte zu erzählen?
Der Hauptgrund für die Entstehung dieses Films sind die spannenden Charaktere, die diese Geschichte prägen. Der Film zeichnet die Porträts zweier Brüder, die sich beim Aufbau eines Geschäfts ihre Nische in der Welt erobern. Es ist ihre gemeinsame und ihre individuelle Entwicklung im Rausch des Nachtlebens, einer Welt mit Sex, Drugs & Rock ‘n’ Roll, die den Film antreibt. Der eine Bruder ist ein extrovertierter Hedonist, der andere mehr kopfbetont. Der eine der Draufgänger, der andere der Schüchterne mit nur einem Auge. Der eine sucht ständig nach neuen Reizen, der andere nach Sicherheit. Zusammen ergänzen sie sich zu einem großartigen Duo, doch irgendwann drohen sie sich selbst und gegenseitig zu verlieren. Bis ein Bruder zum anderen sagt „Ich sehe keine Zukunft mit dir…“, und das finde ich unglaublich schmerzhaft.
CAFÉ BELGICA erzählt das Schicksal von zig Unternehmern: Man vergrößert sich, und das bedeutet auch, dass man seine Ideale hinter sich lassen muss. Für mich erzählt diese Geschichte auch etwas über den gesellschaftlichen Wandel in den letzten 20 Jahren. Alles ist strenger geworden. Vielleicht sind einige Ideale verloren gegangen. Die Bar ist ein gesellschaftlicher Mikrokosmos.
Dann gibt es natürlich auch persönliche Gründe. Tatsächlich habe ich einige Dinge im Film selbst miterlebt, mit eigenen Augen gesehen, und das war unglaublich authentisch. Dieses Gefühl, diese Stimmung – es ist schwer zu beschreiben. Aber ich hoffe, dass es in meinem Film rüberkommt.
Für mich war es ein vielschichtiger Mix aus Ekstase, dem Rausch des Nachtlebens, dem Drang nach Freiheit, ein Gefühl von Rebellion – und auch ein Hauch von Melancholie über das, was unterwegs verloren gegangen ist. Weil es keinen anderen Weg gibt. All das zusammen. Ein typisch belgisches Gefühl.
Welche Rolle spielt die Musik im Film?
Musik spielt in meinen Filmen seit jeher eine große Rolle. Ich finde es toll, Musik im Film zu haben. Ich finde gleichzeitig, dass Musik wichtig für den Zusammenhalt der Geschichte ist. Sie sollte wirklich Teil der Geschichte sein. Die Reihenfolge der Musikstücke ist nicht zufällig. Sie ist ein integraler Bestandteil dessen, was im „Café Belgica“ und mit den Filmfiguren passiert.
In einem Film über eine Musikbar ist die Mitwirkung der Brüder Stephen und David Dewaele, die auch als Soulwax bekannt und als 2Many DJs zur Legende geworden sind, einfach unschätzbar. Wir sind seit langer Zeit befreundet, und sie haben bei meinem ersten Film Steve + Sky mit mir zusammengearbeitet. Sie waren von der Idee zu CAFÉ BELGICA sofort hingerissen. Stephen und Dave sind mit mir aufgewachsen und sind auch sehr oft in der „Charlatan Bar“ aufgetreten. Sie haben die Welt bereist, sind oft in London und an anderen Orten. Dennoch ist Gent ihre „home base“. Das ist für sie wichtig. Deshalb fanden sie es auch so großartig, bei diesem Film mitzumachen. Sie sagten einzig wegen der Geschichte zu. Sie haben sowohl den Soundtrack als auch eine Menge neue Songs komponiert. Noch während ich am Drehbuch schrieb, haben wir uns mehrfach getroffen und ausgiebig über die Musik gesprochen. Anfangs dachte ich, dass die beiden hauptsächlich den Soundtrack liefern und dazu mit bekannten Songs existierender Bands arbeiten würden, denn es gab unheimlich viel Material. Aber dieser Schaffensprozess hat ihnen soviel Spaß gemacht, dass sie wirklich alles neu kreiert haben.
Ein Film über eine Bar bewegt sich quasi von selbst in Richtung Rock ‘n’ Roll, aber Café Belgica ist der personifizierte Rock ‘n’ Roll…
Einen Film zu machen ist wirklich ein Abenteuer. Wir wussten zwar, was wir zeigen wollten. Aber wir hatten keine Ahnung, was uns unterwegs begegnen würde. Und dann gerieten wir in die allerfantastischsten Dinge! Das finde ich so toll am Filmemachen. Jeder Film ist so individuell wie Kinder es sind. Eins ist schwieriger als das andere. Trotz des großen Erfolgs war etwa die Geburt von The Broken Circle wirklich schwierig. Anfangs waren wir total unsicher, wie die Leute den Film aufnehmen würden. Wir haben alle so hart dafür gearbeitet, so viel Herzblut hineingesteckt, und wir hatten das Gefühl, einen wirklich coolen Film hinbekommen zu haben. Doch anfangs bekamen wir kein gutes Feedback. Es dauerte seine Zeit. Was aber dann geschah, war wirklich wie ein Wunder (Anmerkung: The Broken Circle wurde ein weltweiter Erfolg, und erhielt eine Oscarnominierung für den besten Auslandsfilm.). Aber der anfängliche Zweifel blieb eine Zeitlang hängen. Versteh’ mich nicht falsch, The Broken Circle ist ein großartiger Film und ich bin total stolz darauf. Trotzdem fragte ich mich, ob ich in diesem Film zu klassisch war, nicht genug Rock ‘n’ Roll ’reingebracht habe? Deshalb bin ich in CAFÉ BELGICA zu meinen Wurzeln zurückgegangen – zum Rock ‘n’ Roll – und habe mir die Freiheit genommen, noch ein bisschen wilder, exzessiver zu sein.